Als sein Gehör schwand, blieb die Musik
Wie komponiert man Musik, wenn man sie selbst kaum noch hören kann?
Ludwig van Beethoven musste sich mit genau dieser Frage auseinandersetzen. Noch bevor er vierzig Jahre alt war, beeinträchtigte sein Gehör sein Leben zunehmend. Später war er nahezu taub.
Was diese Geschichte besonders macht: Beethoven verlor nicht nur allmählich eine Fähigkeit, die für einen Musiker kaum wichtiger sein könnte. Er geriet darüber in eine so tiefe Krise, dass er über den Tod nachdachte. Davon erzählt eines der persönlichsten Dokumente seines Lebens, das sogenannte Heiligenstädter Testament. Und doch entstanden nach dieser Krise einige der Werke, für die Beethoven bis heute berühmt ist.
Wann wurde Beethoven taub?
Beethovens Taubheit kam nicht plötzlich. Sein Gehör verschlechterte sich über viele Jahre. Erste ernsthafte Probleme bemerkte er vermutlich gegen Ende der 1790er-Jahre. In einem Brief an seinen Jugendfreund und Arzt Franz Gerhard Wegeler berichtete Beethoven am 29. Juni 1801, sein Gehör sei seit drei Jahren immer schwächer geworden. Außerdem beschrieb er ein ständiges „Sausen und Brausen“ in den Ohren und Schwierigkeiten, Stimmen und hohe Töne zu verstehen.
Für Beethoven war das weit mehr als ein gesundheitliches Problem. Er war nicht nur Komponist, sondern auch ein gefeierter Pianist, und sein gesellschaftliches wie berufliches Leben spielte sich in einer Welt ab, die vom Hören geprägt war. Zunächst versuchte er deshalb, seine Schwierigkeiten möglichst zu verbergen. Gespräche wurden anstrengender, gesellschaftliche Situationen zunehmend belastend, und auch öffentliche Auftritte wurden schwieriger. Gleichzeitig musste Beethoven erleben, dass verschiedene ärztliche Behandlungen keine entscheidende Besserung brachten.
Die Frage, wann Beethoven taub wurde, lässt sich deshalb nicht mit einem einzelnen Datum beantworten. Aus einer zunächst begrenzten Hörschwäche entwickelte sich über Jahre eine immer stärkere Beeinträchtigung und schließlich eine persönliche Krise.
Das Heiligenstädter Testament: Beethovens dunkelster Moment
Im Frühjahr und Sommer 1802 hielt sich Beethoven auf ärztlichen Rat im damals noch ländlich gelegenen Heiligenstadt bei Wien auf. Die Ruhe sollte seiner Gesundheit helfen, doch sein Gehör besserte sich nicht entscheidend. Im Oktober schrieb Beethoven einen langen Brief an seine Brüder Kaspar Karl und Johann. Abgeschickt wurde er nicht. Das Dokument fand man erst nach seinem Tod und bezeichnete es später als Heiligenstädter Testament. Es ist auf den 6. und 10. Oktober 1802 datiert.
Mit einem Testament im heutigen juristischen Sinn hat dieser Text nur teilweise zu tun. Vielmehr liest er sich wie eine Rechtfertigung, ein Abschiedsbrief und eine erschütternd offene Schilderung seiner Lage. Beethoven erklärt darin, warum er sich von anderen Menschen zurückgezogen hatte. Wer ihn für ungesellig, feindselig oder eigensinnig hielt, wusste nichts von dem Problem, das er vor seiner Umgebung zu verbergen versuchte.
Besonders eindringlich wird der Brief dort, wo Beethoven beschreibt, wie nahe er daran gewesen war, sein Leben selbst zu beenden. Dann folgt jener Satz, der den inneren Wendepunkt des Dokuments auf wenige Worte verdichtet:
„Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.“Ludwig van Beethoven, Heiligenstädter Testament, 1802
Beethoven schrieb weiter, es sei ihm unmöglich erschienen, die Welt zu verlassen, bevor er all das hervorgebracht habe, wozu er sich fähig fühlte. Damit bekommt das Dokument eine erstaunliche Wendung. Es beschreibt einen Menschen in tiefer Verzweiflung, aber zugleich einen Künstler, der noch etwas schaffen wollte. Die Musik konnte seinen Hörverlust nicht beseitigen, aber sie gab ihm offenbar einen Grund, weiterzumachen.
Beethoven hörte immer weniger und komponierte weiter
Wer Beethovens Geschichte nur auf den „tauben Komponisten“ reduziert, übersieht etwas Entscheidendes: Sein Hörverlust bedeutete keineswegs das Ende seiner künstlerischen Entwicklung. Ein großer Teil der Musik, die heute eng mit seinem Namen verbunden ist, entstand, als seine Hörprobleme längst begonnen hatten.
Die 5. Sinfonie, die 6. Sinfonie „Pastorale“ und die 7. Sinfonie gehören in diese Zeit. Später entstanden unter anderem die letzten Klaviersonaten, die Missa solemnis, die späten Streichquartette und schließlich die 9. Sinfonie. Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass Beethovens Taubheit seine Musik automatisch „besser“ gemacht hätte. Sein Hörverlust belastete ihn schwer und schränkte sein Leben immer stärker ein.
Bemerkenswert ist etwas anderes: Beethoven entwickelte seine Musik weiter, obwohl sich seine Möglichkeiten, den äußeren Klang wahrzunehmen, dramatisch veränderten.
Wie konnte Beethoven komponieren, obwohl er kaum noch hörte?
Diese Frage wirkt zunächst fast paradox. Schließlich arbeitet ein Komponist mit Klängen. Beethoven begann jedoch nicht erst als schwerhöriger Mann zu komponieren. Als sein Gehör nachließ, verfügte er bereits über jahrzehntelange musikalische Erfahrung. Er kannte Instrumente, Tonarten, Harmonien und musikalische Formen bis ins Detail.
Ein erfahrener Komponist muss Musik deshalb nicht ausschließlich dadurch entwickeln, dass er jeden einzelnen Ton zunächst tatsächlich hört. Klänge können innerlich vorgestellt, musikalische Zusammenhänge auf dem Papier entwickelt und aus Erfahrung beurteilt werden. Bei Beethoven kam eine außergewöhnlich ausgeprägte musikalische Vorstellungskraft hinzu.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ihm seine Taubheit gleichgültig geworden wäre. Sie erschwerte die Kommunikation immer stärker. Ab 1818 wurden sogenannte Konversationshefte notwendig: Besucher schrieben ihre Äußerungen hinein, damit Beethoven Gesprächen folgen konnte. Viele dieser Hefte sind erhalten geblieben und geben heute einen ungewöhnlich unmittelbaren Einblick in seinen Alltag. Der Mann, der im Inneren immer komplexere Musik entwarf, war im täglichen Leben zunehmend von der hörenden Welt abgeschnitten.
Die Stille wurde Teil seines Alltags
Mit zunehmendem Hörverlust musste Beethoven seine Tätigkeit als öffentlich auftretender Pianist immer stärker einschränken. Was früher selbstverständlich gewesen war, Gespräche, gemeinsames Musizieren und unmittelbare Reaktionen auf Klänge, wurde schwieriger oder unmöglich. Trotzdem hörte er nicht auf zu komponieren.
Seine späten Werke gehören heute zu den meistbewunderten Kompositionen seines Schaffens. Gerade die letzten Streichquartette und Klaviersonaten wirken teilweise so eigenwillig, dass sie selbst Zeitgenossen vor Herausforderungen stellten. Beethoven zog sich musikalisch also keineswegs auf Bekanntes zurück. Während seine hörbare Welt kleiner wurde, blieb seine schöpferische Welt erstaunlich groß.
Die 9. Sinfonie: ein fast tauber Komponist vor einem begeisterten Publikum
Am 7. Mai 1824 wurde Beethovens 9. Sinfonie im Wiener Kärntnertortheater uraufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt war sein Gehör bereits so stark beeinträchtigt, dass er die Reaktionen des Publikums kaum wahrnehmen konnte.
Beethoven wirkte bei der Aufführung selbst an der musikalischen Leitung mit; zugleich war Kapellmeister Michael Umlauf beteiligt. Der mitwirkende Geiger Joseph Böhm erinnerte sich später daran, wie leidenschaftlich Beethoven am Dirigentenpult agierte. Für die Musiker war jedoch eine verlässliche musikalische Leitung entscheidend, da Beethoven das Geschehen wegen seiner fortgeschrittenen Taubheit nicht mehr vollständig akustisch kontrollieren konnte.
Auch die berühmte Szene nach der Aufführung ist in verschiedenen Erinnerungen nicht in jedem Detail gleich überliefert. Der Kern gilt jedoch als gut belegt: Beethoven nahm den begeisterten Beifall zunächst nicht so wahr wie die Menschen um ihn herum und musste darauf aufmerksam gemacht werden. Einer der größten Publikumserfolge seines Lebens erreichte ihn damit auf eine Weise, die kaum eindringlicher zeigen könnte, wie sehr sich seine Welt verändert hatte.
Kaum ein Moment aus seinem Leben bringt den Widerspruch seiner letzten Jahre stärker auf den Punkt. Ein Komponist, der die Welt der Klänge nur noch eingeschränkt hören konnte, hatte eines der berühmtesten Werke der Musikgeschichte geschaffen. Und ausgerechnet das Finale dieser Sinfonie richtet den Blick nicht nach innen, sondern nach außen: Mit Schillers „Ode an die Freude“ treten erstmals in einer Beethoven-Sinfonie menschliche Stimmen zum Orchester hinzu.
Beethoven war nicht einfach „der taube Komponist“
Seine Taubheit gehört untrennbar zu Beethovens Biografie. Sie erklärt seinen Rückzug, Teile seiner Verzweiflung und viele Schwierigkeiten seiner späteren Jahre. Aber sie erklärt nicht Beethoven als Künstler. Er war bereits ein bedeutender Pianist und Komponist, bevor sein Gehör ernsthaft nachließ, und er blieb ein schöpferischer Musiker, als er schließlich kaum noch hören konnte.
Vielleicht liegt darin das eigentlich Bewegende an seiner Geschichte. Nicht darin, dass Beethoven seinen Hörverlust einfach „überwand“. Das tat er nicht. Er litt darunter, zog sich zurück und beschrieb selbst, wie nahe ihn diese Entwicklung an seine Grenzen brachte.
Das Heiligenstädter Testament zeigt jedoch auch den anderen Teil dieser Geschichte: Beethoven glaubte noch Musik in sich zu tragen, die geschrieben werden musste. Und er schrieb sie.
Fazit: Als das äußere Hören schwand, blieb die innere Musik
Beethovens Geschichte beginnt nicht mit seiner Taubheit und sie endet auch nicht dort. Sein Hörverlust veränderte sein Leben grundlegend. 1802 führte ihn die Verzweiflung darüber bis an einen Punkt, an dem er über das Ende seines Lebens schrieb. Im selben Dokument hielt er jedoch fest, was ihn zurückhielt: die Kunst.
Mehr als zwanzig Jahre später stand Beethoven bei der Uraufführung seiner 9. Sinfonie vor einem begeisterten Publikum, dessen Beifall er selbst kaum noch hören konnte. Zwischen diesen beiden Momenten liegt ein großer Teil seines musikalischen Vermächtnisses.
Vielleicht beantwortet gerade das die Frage vom Anfang: Wie komponiert man Musik, wenn man sie selbst kaum noch hören kann? Mit Wissen, Erfahrung und Vorstellungskraft und mit einer Musik, die längst im Inneren weiterklingt.
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Quellenhinweise
Für die historischen Schlüsseldaten und das wörtliche Beethoven-Zitat wurden insbesondere folgende Quellen herangezogen:
- Beethoven-Haus Bonn, Digitales Archiv: Ludwig van Beethoven, Brief an Franz Gerhard Wegeler in Bonn, Wien, 29. Juni 1801, Sammlung Wegeler W 17.
- Beethoven an seine Brüder Kaspar Karl und Johann, Heiligenstadt, 6. und 10. Oktober 1802 („Heiligenstädter Testament“); Original in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Signatur ND VI 4281.
- Beethoven-Haus Bonn, Digitales Archiv: Konversationsheft 1, Februar bis Juni 1818, BH 54.
- Beethoven-Haus Bonn: Materialien zur Uraufführung der 9. Sinfonie am 7. Mai 1824 sowie zur Entwicklung von Beethovens Hörvermögen und seinen späten öffentlichen Auftritten.